frühe Kindheit 1/08
Die Ernährung des gesunden Säuglings nach dem „Ernährungsplan für das 1. Lebensjahr“
von Ute Alexy
Nachstehender Beitrag basiert auf einem Originalbeitrag im Rahmen der Online-Fortbildung in Heft 10/2007 der Fachzeitschrift Ernährungs Umschau – Forschung und Praxis. Mit freundlicher Genehmigung des Umschau Zeitschriftenverlages Breidenstein GmbH, Sulzbach i. Ts.
Gesunde Ernährung ist in jedem Alter wichtig. Bei der Säuglingsernährung, also der Ernährung im ersten Lebensjahr, müssen die besonderen Bedürfnisse von Säuglingen berücksichtigt werden, z. B. der relativ hohe Energiebedarf, die teilweise noch unreifen Verdauungs- und Ausscheidungsfunktionen und die neuromotorische Entwicklung. Darüber hinaus hat schon die Ernährung im ersten Lebensjahr eine präventivmedizinische Bedeutung.
Besonders umfassend wurden die Auswirkungen des Stillens untersucht. Studien zu den möglichen langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen von Zeitpunkt und Zusammensetzung der Beikost sind dagegen selten.
Vom Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE)
wurde Anfang der 1990er Jahre der „Ernährungsplan
für das 1. Lebensjahr“ entwickelt (Abbildung 1), in dem
- die ernährungs- und entwicklungsphysiologischen
Anforderungen im Säuglingsalter,
- die Daten zur optimalen Dauer des ausschließlichen
Stillens,
- das Angebot industriell hergestellter Lebensmittel
für Säuglinge und
- die traditionellen Ernährungsgewohnheiten in
Deutschland berücksichtigt werden.
Eine aus Studien abgeleitete wissenschaftliche „Evidenz“ für den Ernährungsplan insbesondere für die Einführung der Beikost und den Übergang zur Familienkost ist zur Zeit nicht möglich, da die verfügbaren Studien meist nur Einzelaspekte der Beikost z. B. den Einführungszeitpunkt betrachten.
Das FKE hat daher die aktuellen Referenzwerte für die
Nährstoffzufuhr als wissenschaftlichen Beleg herangezogen
und die Beikost am Modell der Selbstzubereitung
der Mahlzeiten entsprechend gestaltet (Tabelle 1).
Der Ernährungsplan gliedert sich in drei ernährungsund
entwicklungsphysiologisch begründete Abschnitte:
1. Ausschließliche Milchernährung in den ersten 4–6
Monaten
2. Einführung von Beikost ab dem 5.-7. Monat
3. Einführung von Familienkost ab dem 10. Monat
Die genannten Zeitspannen berücksichtigen die interindividuelle
Variabilität der Entwicklung der Kinder.
Ausschließliche Milchernährung
Während der ersten Lebensmonate benötigt ein Säugling keine anderen
Lebensmittel als Muttermilch. Ausschließliches Stillen (Tabelle 2) in den ersten
4–6 Monaten wird weltweit einhellig empfohlen. Danach kann bei altersgemäßer
Beikost so lange weiter teilgestillt werden, wie Mutter und Kind es
wünschen. Nach Ablauf des ersten Lebensjahres nimmt in Deutschland aufgrund
des guten Nahrungsangebots die quantitative Bedeutung der Muttermilch
als Lebensmittel ab, das weitere Stillen entspricht dann vorwiegend
dem Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung. Wann endgültig abgestillt werden
sollte, kann aufgrund der derzeitigen Datenlage nicht beantwortet werden.
Nicht gestillte Säuglinge sollten eine industriell hergestellte Säuglingsnahrung
bekommen. Die Selbstherstellung von Säuglingsmilch aus verdünnter
Kuhmilch, wie sie früher üblich war, ist aus ernährungsphysiologischen und
hygienischen Gründen nicht empfehlenswert.
Abzulehnen sind vegetarische Milchmischungen auf der Basis von Getreide
oder Mandeln (z. B. Reismilch oder Mandelmilch), die gravierende Nährstoffdefizite
aufweisen.
Vorteile des Stillens
Zahlreiche Vorteile des Stillens wurden bisher dokumentiert. Unter anderem
sind auch in Industrieländern Häufigkeit und Schwere von Infektionskrankheiten
bei gestillten Säuglingen niedriger und das Risiko für den plötzlichen
Kindstod (Sudden Infant Death Syndrome) und Allergie sinkt. Langfristig
scheint Stillen das Risiko für die Entwicklung einer Adipositas im Kindesalter,
für kardiovaskuläre Erkrankungen und Bluthochdruck im Erwachsenenalter
zu verringern. Die Mutter profitiert vom Stillen durch eine schnellere Rückbildung
der Gebärmutter und ein geringeres Risiko für Brust- und Eierstockkrebs
und postmenopausale Osteoporose.
Darüber hinaus hat Stillen auch ökonomische (z. B. niedrigere Gesundheitskosten)
und ökologische (z. B. Vermeiden von Energie- und Transportkosten)
Vorteile.
Prävalenz des Stillens
In der bundesweiten SuSe-Studie (1997/98) begannen neun von
zehn Müttern nach der Geburt mit dem Stillen. Allerdings stillten
die meisten Mütter kürzer als empfohlen. Als Gründe wurden vor
allem „Probleme mit der Brust/den Brustwarzen“ oder „unzureichende
Milchmenge“ angegeben, also Probleme, die bei einem
guten Stillmanagement in vielen Fällen vermeidbar sind. Ähnliche
Ergebnisse fanden sich in der bayrischen Stillstudie von
2004/2005. Eine Fortführung der Stillförderung in Deutschland ist
offensichtlich weiterhin notwendig.
Praxis des Stillens
Für einen guten Start in die Stillzeit sollte ein Baby direkt nach
der Geburt zum ersten Mal an die Brust angelegt werden. Weil das
richtige Anlegen (Erfassen eines großen Teils des Brustwarzenhofes)
die beste Vorbeugung von vielen Stillproblemen ist, sollten
Mütter sich das Anlegen und verschiedene Stillpositionen von
geschultem Personal zeigen lassen. Da die Milchbildung sich der
Nachfrage anpasst, sollten Säuglinge nach Bedarf gestillt werden,
d. h. immer dann, wenn sie Hunger haben. Besonders in den ersten
Tagen nach der Geburt kann es vorkommen, dass ein Baby
häufig gestillt werden möchte. Das gleiche gilt für Wachstumsschübe,
die etwa im Alter von zwei bis drei Wochen, mit sechs
Wochen und mit drei Monaten auftreten und oft von einem erhöhten
Appetit begleitet sind.
Industriell hergestellte Säuglingsnahrung
In Deutschland sind zahlreiche Säuglingsnahrungen auf dem
Markt, deren Gehalte an Energie und Nährstoffen gesetzlich geregelt
sind. Sie lassen sich in zwei Hauptgruppen unterteilen: Säuglingsanfangsnahrungen
und Folgenahrungen (siehe Infokasten).
Produkte auf der Basis von Kuhmilchprotein werden als Säuglingsmilchnahrung bezeichnet. Als weiterer Proteinträger sind Sojaproteinisolate möglich, jedoch keine anderen Tiermilchen, z. B. Ziegenmilch. Indikationen für Sojanahrungen sind z. B. eine vegane Ernährung oder Kuhmilchproteinallergie. Allerdings ist die Verwendung von Sojanahrungen nicht unumstritten. Der hohe Phytatgehalt von Sojanahrungen vermindert die Bioverfügbarkeit von Mineralstoffen, die enthaltenen Isoflavone haben eine östrogenartige Wirkung und bei Allergikern besteht zusätzlich ein leicht erhöhtes Risiko einer Sensibilisierung gegen Soja.
HA-Nahrungen (hypoallergene Nahrungen) sind für nicht gestillte Säuglinge mit einem erhöhten Atopierisiko im 1. Lebensjahr gedacht. Durch die teilweise Hydrolyse des Proteins sind sie hypoallergen, d. h. sie lösen seltener Allergien aus als herkömmliche Flaschennahrungen. HA-Nahrungen werden als Säuglingsanfangsnahrungen („Pre“ und „1“) und Folgenahrungen („2“ oder „3“) angeboten. Als therapeutische Nahrung von Kindern mit einer Kuhmilchallergie sind HA-Nahrungen nicht geeignet. Für Säuglinge mit „Befindlichkeitsstörungen“ wie Spucken, Blähungen oder Verstopfung sind Spezialnahrungen (bilanzierte Diäten) auf dem Markt, die aber nur auf ärztliche Empfehlung hin gegeben werden und keinesfalls Mütter vom Stillen abhalten sollten.
Zusätze in Säuglingsnahrung
Manche Säuglingsnahrungen enthalten in Anlehnung an die
Zusammensetzung von Muttermilch Zusätze von LC-PUFA (Long-
Chain Polyunsaturated Fatty Acids). Ein Zusatz dieser Fettsäuren
wird von vielen Experten als vorteilhaft für die Gehirnentwicklung
und die Sehfähigkeit beim Säugling angesehen. Hinsichtlich
der Auswirkungen von Probiotika-Zusätzen auf die Darmflora oder
die Prävention von Diarrhö liegen einige viel versprechende Studien
vor. Insbesondere bei Risikogruppen wie Neu- oder Frühgeborenen
oder bei Säuglingen mit einem unreifem Immunsystem
oder Herzfehlern wird die Sicherheit solcher Zusätze allerdings
kritisch gesehen, so dass diese Nahrungen nicht generell empfohlen
werden.
Zusätze von Prebiotika können dagegen bei ausschließlicher oder überwiegender Gabe von Säuglingsnahrung sinnvoll sein. Erhöhtsich der Anteil von Beikost, erhält der Säugling zunehmend weitere Ballaststoffe; Prebiotika-Zusätze bieten dann vermutlich keine weiteren Vorteile.
Trinkmenge und Dosierung
Ein ausreichendes Wachstum parallel zu den Referenz-Perzentilen,
z. B. im gelben Untersuchungsheft, ist das beste Kriterium, ob
ein Baby genug zu trinken bekommt. Die wöchentliche Gewichtszunahme
ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Gestillte Kinder
sind in den ersten drei Monaten oft schwerer als nicht gestillte, im
zweiten Lebenshalbjahr ein wenig leichter. Ebenso wie bei älteren
Kindern oder Erwachsenen kann der Appetit von Säuglingen von
Tag zu Tag schwanken. Die auf den Verpackungen von Milchnahrungen
angegebenen Richtwerte für die Anzahl und die Menge
von Flaschenmahlzeiten sind daher nicht verbindlich. Auch flaschenernährte
Kinder sollten nach Bedarf gefüttert werden. Wenn
ein Kind signalisiert, dass es satt ist, indem es z. B. den Kopf wegdreht,
sollte die Mahlzeit beendet werden, auch wenn noch ein
Rest in der Flasche ist.
Unbedingt eingehalten werden sollten die Dosierungsempfehlungen
auf der Verpackung. Sowohl zu konzentrierte als auch verdünnte
Milch ist der Gesundheit des Säuglings abträglich.
Einführung von Beikost
Bei guter Ernährung der Mutter deckt ausschließliches Stillen in
den ersten sechs Lebensmonaten den Energie- und Nährstoffbedarf
des Säuglings, allerdings kann es bei einigen Säuglingen zu
einem Eisenmangel kommen. Eindeutige Vorteile von sechsmonatigem
gegenüber viermonatigem ausschließlichem Stillen lassen
sich in Industrieländern mit den vorliegenden Daten nicht belegen.
Die WHO empfiehlt zwar als bevölkerungsbezogene Maßnahme
ausschließliches Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten mit
anschließender Einführung von Beikost und fortgeführtem Stillen.
Allerdings erkennt die WHO an, dass manche Mütter dieser
Empfehlung nicht folgen können oder möchten und diese gleichfalls
bei der optimalen Ernährung ihres Kindes unterstützt werden
sollten.
Das Beikostschema im Ernährungsplan
Die zeitliche Abfolge und die Lebensmittelauswahl der Beikostmahlzeiten
im Ernährungsplan berücksichtigen die limitierenden
Nährstoffe beim Stillen, vor allem Eisen, Vitamin B6, Zink und
Calcium.
Begonnen wird mit einem Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei mit hohen Gehalten an gut verfügbarem Eisen und Zink aus Fleisch. Jeweils etwa einen Monat später werden zwei weitere Milchmahlzeiten durch einen Milch-Getreide-Brei (Mineralstoffe, vor allem Calcium) und einen Getreide-Obstbrei (Vitamine) ersetzt ( Abbildung 2). Die unterschiedlichen Nährstoffprofile der Beikostmahl zeiten ergänzen sich zusammen mit der verbleibenden Milch zu einer weitgehend den Referenzwerten entsprechenden Ernährung (Tabelle 1).
Der Eisenbedarf erreicht im 2. Lebenshalbjahr pro kg Körpergewicht ein Maximum. Der im Ernährungsplan vorgesehene eisenreiche Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei enthält einen hohen Anteil an Hämeisen mit einer hohen Bioverfügbarkeit. Nicht-Hämeisen aus pflanzlichen Lebensmitteln wird dagegen erheblich schlechter absorbiert. Da Vitamin C die Absorption von Nicht-Hämeisen fördert, ist im Ernährungsplan für alle drei Beikostmahlzeiten der Zusatz von Vitamin C-haltigem Obstsaft bzw. Obstpüree vorgesehen. Industriell hergestellte Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Mahlzeiten (Gläschenkost) enthalten keine signifikanten Mengen an Vitamin C. Problematisch ist die Jodzufuhr bei ausschließlicher Selbstzubereitung von Beikost. Bei Verwendung von mit Jod angereicherten Beikostprodukten (Kaliumjodid oder -jodat in der Zutatenliste) wird die empfohlene Jodzufuhr erreicht oder überschritten. Für die Selbstherstellung von Beikost stehen zur Zeit keine mit Jod angereicherten reinen Getreideflocken zur Verfügung. Wichtig ist, dass stillende Mütter Jod supplementieren (100–150 mg/Tag), um den Jodgehalt der Muttermilch zu erhöhen.
Selbst hergestellte oder industriell
hergestellte Beikost
Verschiedene Argumente sind bei der Entscheidung für die Verwendung
selbst hergestellter oder industriell hergestellter Beikostmahlzeiten
heranzuziehen.
Industriell hergestellte Beikost ist praktisch schadstofffrei, aber
auch herkömmliche Lebensmittel sind ausreichend sicher. Fertigprodukte
sind teurer als die Zutaten für die Selbstzubereitung,
sparen aber Zeit und Arbeit. Bei der Selbstzubereitung von Beikost
können Eltern über die Zusammensetzung selbst entscheiden.
Die Zutaten von Fertigprodukten weichen dagegen teilweise von
den Rezepten des Ernährungsplans (Abbildung 2) ab. Die Nährstoffanreicherung
von Fertigprodukten bietet keinen zusätzlichen
Vorteil. Selbst zubereitete Breie mit frischem Gemüse oder Obst
schmecken natürlicher als konservierte Fertigprodukte. In der
Praxis erhalten heute die meisten Säuglinge industriell hergestellte
Beikost. Nach dem ersten Lebensjahr sollten Kinder an
den Familienmahlzeiten teilnehmen und so frühzeitig an eine
gemischte Kost mit frischen Lebensmitteln gewöhnt werden.
Lebensmittel in der Beikost
Neue Lebensmittel werden im Abstand von zwei bis drei
Tagen eingeführt, um eventuelle Unverträglichkeiten erkennen
zu können.
- Gemüse, z. B. Karotte, wird in Deutschland üblicherweise als
erste Beikost gegeben. Karotte ist nicht nitratreich und vor
allem in gekochter Form wenig allergieauslösend. Andere für
die Beikost geeignete Gemüsesorten mit niedrigem bis mittlerem
Nitratgehalt sind Zucchini, Blumenkohl oder Brokkoli.
- Anstelle von Kartoffeln kann der Gemüse-Fleisch-Brei auch
mit Vollkorn-Nudeln oder Vollkornreis zubereitet werden.
- Als Fettzusatz ist Rapsöl zu bevorzugen, da das Verhältnis
von n3- zu n6- Polyenfettsäuren (1:2) besonders günstig ist.
- Als Fleisch eignen sich magere Teilstücke. Rindfleisch enthält
viel Eisen und Zink. Aber auch Schwein, Lamm oder
Geflügel sind geeignet.
- Als Obst eignet sich frisches Obst der Jahreszeit, z. B. Äpfel,
Birnen, Pfirsiche, Nektarinen oder Aprikosen. Bananen enthalten
viel Zucker und sollten deshalb nicht täglich gegeben
werden.
- Kuhmilch (Vollmilch, pasteurisiert oder ultrahocherhitzt)
im Milch-Getreide-Brei ist ein wichtiger Lieferant für Calcium
und kann in geringer Menge als Zutat der Beikost (Milch-
Getreide-Brei) eingeführt werden. Intraintestinale Blutverluste,
die nach dem Verzehr größerer Mengen von Kuhmilch bei
jungen Säuglingen festgestellt wurden,
waren gegen Ende des 12. Monats nicht
mehr nachweisbar. Wenn ältere Säuglinge
lernen aus der Tasse zu trinken, können
sie zu den Brotmahlzeiten Kuhmilch
trinken. Aus der Flasche ist unverdünnte
Kuhmilch wegen der zu erwartenden
höheren Verzehrsmengen nicht zu empfehlen.
Der durch die Kuhmilch hohe
Proteingehalt im Milch-Getreide-Brei
resultiert in der Tagesernährung in
einem Proteinanteil von 14 Prozent an
der Energiezufuhr (Tabelle 1), der zur
Zeit als akzeptabel angesehen wird.
Zusätzliche Milchprodukte wie Joghurt
oder Quark sollten Säuglinge nicht erhalten,
da ansonsten die Proteinzufuhr
weiter erhöht wird. Glutenhaltiges
Getreide in der Beikost sollte anfangs
nur in geringen Mengen und möglichst
noch während der Stillzeit gegeben werden.
Getränke
Zusätzliche Getränke (Wasser, ungesüßter
Kräuter- oder Früchtetee) werden
erst bei der Einführung des dritten Breis
in der Beikost erforderlich. Mit der Einführung
der Beikost geht der Wassergehalt
der Nahrung (Wasserdichte) zurück.
Zwar reift gleichzeitig der Konzentrationsmechanismus
der Niere, der funktionelle
Spielraum wird insgesamt aber
immer enger. Bereits geringe zusätzliche
Belastungen des Wasserhaushalts (Fieber,
Durchfall, starkes Schwitzen) können
so zu einer gefährlichen Anspannung
des Wasserhaushalts führen,
zumal Säuglinge in diesem Alter ihren
Wunsch nach zusätzlicher Flüssigkeit
nur sehr ungerichtet äußern können.
Rachitis- und Kariesprophylaxe
Unabhängig von der Art der Milch und
Beikost sollten Säuglinge ab der 2. Lebenswoche
während des 1. Lebenshalbjahres
und in den Wintermonaten des 2. Lebenshalbjahres
täglich 400–500 I. E. Vitamin
D3 bekommen.
Zur Kariesprophylaxe empfehlen Kinderärzte
nach wie vor Fluoridtabletten (0,25
mg Fluorid/Tag bei Trink-/Mineralwasser
< 0,3 mg Fluorid/Liter) in den ersten drei
Lebensjahren. Die vom Institut der Deutschen
Zahnpflege 2006 herausgegebene
Empfehlung, auf Fluoridtabletten zu verzichten
und statt dessen schon Säuglingen
mit fluoridierter Zahnpasta die Zähne
zu putzen, wird von den Kinderärzten
als nicht wissenschaftlich begründet und
möglicherweise schädlich abgelehnt.
Allergieprävention
In der aktuellen Leitlinie zur Allergieprävention
wird vor allem das viermonatige
ausschließliche Stillen empfohlen. Beikost
sollte nicht vor dem 5. Lebensmonat gegeben
werden. Eine Stillempfehlung von
mindestens sechs Monaten zur Allergieprävention
konnte aufgrund fehlender
Daten nicht belegt werden, ebenso wenig
wie der Nutzen von diätetischen Restriktionen
der Mutter während Schwangerschaft
und Stillzeit. Allergiegefährdete
Säuglinge, die nicht gestillt werden, sollten
im 1. Lebensjahr eine hypoallergene
(HA-) Säuglingsnahrung bekommen. Einschränkungen
bei der Lebensmittelauswahl
der Beikost werden durch vorliegende
Studien nicht gestützt. Möchten Eltern
im gesamten 1. Lebensjahr auf häufig
allergieauslösende Lebensmittel, vor
allem Kuhmilch, in der Beikost verzichten,
können sie statt des Milch-Getreide-Breis
einen Getreide-Obst-Brei geben und weiter
stillen, oder sie bereiten den Milch-Getreide-
Brei mit HA-Nahrung zu. Andere
Lebensmittel, die häufig Allergien auslösen,
wie Nüsse, Hühnerei oder Fisch, sind
im Ernährungsplan nicht vorgesehen.
Übergang zur Familienkost
Etwa ab dem Alter von neun Monaten
gehen die Brei- und Milchmahlzeiten
Schritt für Schritt in die Haupt- und Zwischenmahlzeiten
der Familienernährung
über (Abbildung 1). Wie bei der Beikosteinführung
hängt der genaue Zeitpunkt von
der individuellen Entwicklung des Kindes
ab. Zuerst werden aus einer Milchmahlzeit
und dem Milch-Getreide-Brei jeweils eine
kalte Hauptmahlzeit aus Milch, Obst oder
Rohkost und Brot oder Getreideflocken.
Der Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei wird zur warmen Hauptmahlzeit bestehend aus Kartoffeln, Reis oder Nudeln und Gemüse sowie dreimal pro Woche einer kleinen Portion Fleisch und einmal pro Woche einer Portion Fisch. Der Getreide-Obst-Brei geht in zwei Zwischenmahlzeiten über, bestehend aus Obst/Rohkost und Brot/ Getreideflocken; evtl. auch Milch oder Milchprodukten, falls morgens und abends nicht genug Milch verzehrt wird, sowie fakultativ an manchen Tagen Kuchen oder Süßwaren in geringen Mengen. Auf diese Weise geht der Ernährungsplan für das 1. Lebensjahr nahtlos in das Präventionskonzept der Optimierten Mischkost optimiX® über.
Weiterführende Literatur
- Both D, Frischknecht K: Stillen kompakt.
Atlas zur Diagnostik und Therapie in der
Stillberatung.
Urban & Fischer, München, 2007
- Largo RH: Babyjahre – die frühkindliche
Entwicklung aus biologischer Sicht.
Piper, München, 2004
- Forschungsinstitut für Kinderernährung
Empfehlungen für die Ernährung von
Kindern und Jugendlichen (Broschüre).
FKE, Dortmund 2005
- Forschungsinstitut für Kinderernährung:
Empfehlungen für die Ernährung von Säuglingen
(Broschüre). FKE, Dortmund, 2007
- Forschungsinstitut für Kinderernährung:
Empfehlungen für die Ernährung während
der Schwangerschaft und Stillzeit (Broschüre).
FKE, Dortmund, 2007
Einen Überblick über vorhandene praktische Angebote von stillfördernden Verbänden und Organisationen sowie andere Informationsangebote zum Stillen gibt es im Internet unter www.stillen-info.de.
Die vollständige Fassung einschließlich der Literaturangaben und Grafiken ist über die Geschäftsstelle erhältlich.
Dr. Ute Alexy ist Köchin und Diplomökotrophologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund.
Newsletter Nr. 441
vom 16. Mai 2012